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Ist Schreiben Arbeit?

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Zuletzt aktualisiert am Samstag, den 28. März 2015 um 11:49 Uhr Geschrieben von: Yvonne Samstag, den 28. März 2015 um 09:46 Uhr

Unter Autoren wird immer wieder die Floskel benutzt "Schreiben ist Arbeit!". Meist geschieht das im Zusammenhang damit, dass man fordert, für diese Arbeit auch angemessen entlohnt zu werden, was in der Praxis selten geschieht. Ich möchte in dem folgenden Artikel einmal kritisch hinterfragen, ob diese Floskel den Kern dessen trifft, was gemeint ist, inwiefern die Forderung gerechtfertigt ist und was "Schreiben ist Arbeit!" tatsächlich bedeutet.

Eine Warnung vorab: Ich schreibe diesen Beitrag, weil ich glaube, dass abgegriffene Sätze keine positiven Argumente liefern, dass wir uns mit ihrer wiederholten Verwendung keinen Gefallen tun und dass wir Autoren schlichtweg bessere Worte brauchen - eigentlich ja unser Fachgebiet.

Sie haben uns nie einen Rosengarten versprochen

Angenommen Ihr Nachbar begeistert sich für Blumen. Sie können beobachten, wie er seine Wochenenden damit zubringt, Erde zu düngen, Samen zu säen und Pflanzen zu beschneiden. Nach einem halben Jahr ist er endlich fertig: der perfekte Garten. Ihr Nachbar lächelt zufrieden. Anschließend geht er in sein Haus, kommt mit einem großen Pappschild und einer Sparbüchse wieder. Er reibt sich die Hände, nimmt sich einen Gartenstuhl und setzt sich erwartungsvoll neben seine Rosen. Nun sind Sie neugierig. Sie ziehen sich Ihre Schuhe an, treten vors Haus, luken um die Ecke, was denn wohl auf dem Schild steht - und sind fassungslos. Da hat der dreiste Kerl doch geschrieben: "Einen Garten anzulegen ist Arbeit. Alle Benutzer dieses Gehsteigs zahlen darum bitte 9,90 Euro in diese Büchse."

Sie würden denken, der tickt doch nicht mehr richtig, oder? So ein Bürgersteig ist Allgemeingut, der gehört ihm nicht. 9,90 Euro - das ist viel Geld. Davon können Sie ja schon Essen gehen. Und überhaupt - so schön sind sie doch gar nicht, seine Rosen und Narzissen. Dieser Narziss! Wenn Sie tolle Blumen sehen wollen, zahlen Sie lieber 7 Euro Eintritt für den Palmengarten, der ist ohnehin viel professioneller und bietet mehr Auswahl. Sie zeigen dem Nachbarn einen Vogel und rufen alle Ihre Freunde an, dass sie bloß nicht in diese Straße einbiegen sollen.

Sie haben gerade gelacht über die absurde Vorstellung? Herzlichen Glückwunsch, denn wer über sich selbst lachen kann, ist schon auf dem Weg der Besserung. Genauso machen Sie es nämlich als Autor, wenn Sie sagen: Schreiben ist Arbeit, deshalb kauft/verlegt/beachtet mich! - Dieser Vergleich ist jetzt aber gemein, finden Sie? Na, ein bisschen vielleicht. Aber denken Sie mal über die Gemeinsamkeiten nach. Sie haben ein Buch geschrieben, das niemand beauftragt hat. Ihre Freunde haben vielleicht gesagt, dass es spannend und schön geschrieben ist und das hat Sie ermutigt. Vielleicht ist es auch ganz toll geworden, aber dennoch ist Ihr Buch lediglich ein Angebot. Und zwar eins von sehr vielen.

"Du siehst ja aus wie Deine Hauptfigur. Die ist doch ein Vampir, oder?"

Bestimmt haben Sie viel Zeit in die Entwicklung der Hauptfigur gesteckt. Und diese schlaflosen Nächte, als Sie Ihre erste Schreibblockade hatten! Die Finger tun Ihnen weh von all dem Getippe und der Rücken schmerzt von den Wochenenden auf dem unbequemen Bürostuhl. Die anderen haben in der Sonne gesessen und Sie? Haben hier Ihre Zeit mit dem Buch verbracht. Sie sehen aus wie ein Vampir, werden gefragt, ob Sie in letzter Zeit mal aus dem Haus waren. - Jetzt flattern all die Absagen von den Verlagen ins Haus. Was denken die sich denn, Sie haben sich doch so viel Mühe gegeben? Und trotzdem ist es nicht gut genug? Sie beginnen an sich zu zweifeln. Aber dann packt Sie der Trotz: "Wenn Ihr nicht wollt, dann lasse ich es eben selbst drucken oder verlege es per Print on Demand."

Das ist gut so. Entmutigen lassen soll man sich nicht. Und eine Zeit lang schöpfen Sie neuen Mut. Sie haben veröffentlicht - irgendwie - und nun wird der Erfolg schon kommen. All Ihren Freunden haben Sie schon geschrieben, dass Sie jetzt Autor sind und wo man Ihr Buch denn kaufen kann. Nun sind Sie Mitglied in 300 Facebook-Gruppen geworden und haben Ihren vorgeschriebenen Text per Copy & Paste überall verteilt. Aber - welcher Schock! Fast niemand kauft Ihr Buch. Langjährige Freunde vertrösten Sie mit den Worten, sie hätten gerade noch so viel zu lesen oder das Genre/Thema wäre nun wirklich nicht sein oder ihr Fall. Sie werden wütend, brechen Kontakte ab. Sie werden zu einem wandelnden Mahnmal mit dem Satz "Schreiben ist Arbeit!" auf den Lippen.

Sie fühlen sich und Ihre Arbeit nicht wertgeschätzt. Das ist frustrierend. Aber mal kurz nachgefragt: Ist das denn Ihre Arbeit oder haben Sie noch einen anderen Job? Hoffentlich, denn die wenigsten können vom Schreiben wirklich leben. Vor allem in Deutschland, wo uns eben kein riesiger Markt in unserer Muttersprache offensteht. Und war es wirklich so viel Arbeit, dass Sie da in Zukunft keine Lust mehr drauf haben? Dann lassen Sie es. Wenn Ihnen das Schreiben nicht auch Spaß macht und Ihnen sonst nichts gibt, Sie nicht auch mit einer kleinen Gruppe von Menschen glücklich sind, die Ihr Buch schätzen und denen Sie damit etwas gegeben haben, dann suchen Sie sich besser einen anderen und zuverlässigeren Nebenverdienst.

Schreiben macht vielleicht viel Arbeit, aber es ist eben nicht Ihre Arbeit oder Ihr Beruf. Sie wurden nicht angestellt oder beauftragt und haben deshalb auch keinen Anspruch auf eine entsprechende Entlohnung oder Wertschätzung. Natürlich wünschen Sie sich beides, das ist verständlich. Aber Sie dürfen nicht böse werden, wenn Sie beides nicht bekommen. Vermeiden Sie die Floskel "Schreiben ist Arbeit" und gehen Sie etwas positiver an die Sache heran. Freuen Sie sich, dass Sie ein Buch fertig bekommen haben und dass es manchen Menschen durchaus gefällt. Bleiben Sie am Ball, wenn es Ihnen Freude macht und vielleicht wird es sich eines Tages auch finanziell lohnen.

Zum Abschluss noch ein paar Tipps für den positiven Umgang mit dem Schreiben:

1. Nehmen Sie Absagen von Verlagen nicht persönlich. Ein Verlag ist gewinnorientiert und steckt seine Ressourcen wie jedes Unternehmen in das, was aus seiner Sicht erfolgversprechend ist. Wenn Ihr Buch nicht ins Programm passt, wenn der Verlag es nicht vermarkten kann, dann ist das so. Der Nächste bitte!

2. Sie haben Freunde, die gar nicht lesen, Freunde, die nur ein anderes Genre lesen und Freunde, die nur Autoren lesen, die eine positive Rezension in Die Zeit erhalten haben. Wenn Sie mit denen allen nicht mehr sprechen wollen, weil sie Ihr Buch nicht kaufen, haben Sie bald nur noch 2 Freunde. Man ist mit Ihnen befreundet, weil man Sie als Mensch angenehm findet und nicht wegen dem, was Sie tun. Sie sind nicht Ihr Buch und das Buch ist nicht alles, was Sie sind!

3. Beschäftigen Sie sich gelegentlich mit etwas anderem als Ihrem Buch. Gehen Sie raus mit Freunden, lesen Sie Literatur ohne den Fokus "Mal sehen, wie andere so schreiben", beschäftigen Sie sich mit aktuellen Themen, treiben Sie Sport. Die besten Ideen kommen einem nicht, wenn man sich auf eine Sache konzentriert, sondern wenn man von ihr abschaltet. Dadurch nehmen Sie auch automatisch Absagen gelassener.

4. Wenn Ihr Buch zum Stressfaktor wird, bereuen Sie nicht, dass Sie es geschrieben haben. Lassen Sie los und nehmen Sie es als Lebenserfahrung. Man vergeudet viel zu viel Zeit mit dem Bereuen, versucht perfekt zu sein und vergisst zu leben. Leben heißt Fehler machen.

5. Seien Sie nicht wütend auf erfolgreiche Autoren und missgönnen Sie diesen den Erfolg nicht. Diese Autoren haben vielleicht den Zeitgeist besser getroffen oder waren zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Die haben Ihnen aber nichts weggenommen, was rechtmäßig Ihres war, sondern genauso viel Recht wie Sie, alles für ihren Erfolg zu tun.

6. Werden Sie nicht zum Ärgernis auf Facebook, Twitter und Co., indem Sie Ihr Buch bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit posten und erwähnen. Es ist viel wahrscheinlicher, dass man Ihr Buch kauft, wenn Sie als Persönlichkeit positiv auffallen, als wenn Sie mit der Guerilla-Taktik kommen und verzweifelt versuchen, die Leute zum Kauf zu bewegen. Aggressivität bringt Sie nicht weiter. Wenn es viel über Ihr Buch zu sagen gibt, legen Sie sich eine Seite an und informieren Sie dort freiwillige Leser gezielt.
 

Neues Kursangebot: Journalistisches Schreiben

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Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 25. März 2015 um 16:23 Uhr Geschrieben von: Yvonne Mittwoch, den 25. März 2015 um 14:42 Uhr

Ab Montag, 30. März 2015, habe ich ein neues Kursangebot außerhalb vom kreativen Schreiben. Es steht unter der Überschrift "Schreiben für den Beruf", was heißt: Hier werden Kenntnisse der Kommunikation vermittelt, die man im Beruf nutzen kann.

Der Kurs wird ca. alle 2 Wochen stattfinden, da auch Teilnehmer meines Kreativkurses die Chance haben sollen daran teilzunehmen, ohne jede Woche zwei Abende freihalten zu müssen. Den Anfang des neuen Kursangebotes machen 6 Termine zum journalistischen Schreiben. Worum es mir dabei geht, verraten Euch die folgenden FAQ.


Ich will ja nicht Journalist werden, warum brauche ich dann journalistisches Schreiben?

In 6 Terminen kann man niemanden zum Journalisten ausbilden. Der Fokus des Kurses liegt darauf, einige grundlegende Artikel-Genres und die Arbeitsweise eines Journalisten kennenzulernen. Auch wenn man selbst nicht für eine Zeitung schreibt, kommt man immer mal mit Journalisten in Kontakt, sei es, dass man eine Pressemeldung herausgibt oder interviewt wird. Manchmal wird man auch gebeten, einen Blogartikel zu schreiben, da ist es von Vorteil, wenn man das journalistische Handwerk in den Grundzügen kennt.

Also wer genau ist die Zielgruppe für diesen Kurs?

Sinn macht der Kurs für alle, auf die einer der folgenden Punkte zutrifft:
- Du bist Autor oder Künstler und möchtest Dich und Deine Werke bekannter machen.
- Du bist selbstständig und möchtest Dein Unternehmen in die Medien bringen.
- Du arbeitest in einem Unternehmen, in dem Du gelegentlich mit Pressearbeit zu tun hast.
- Du bist Blogger oder passionierter Facebooker.
- Du wirst manchmal gebeten, als Gastautor für ein Medium zu schreiben.
- Du ziehst in Erwägung, als Journalist zu arbeiten und möchtest mal reinschnuppern, wie das so geht.

Um welche Themen geht es in dem Kurs?

Folgende Termine stehen fest:
- 30.3. Eine Kurzmeldung schreiben
- 13.4. Eine Nachricht schreiben
- 3. Termin: Eine Pressemeldung schreiben
- 4. Termin: Eine Reportage schreiben
- 5. Termin: Eine Reportage kalt schreiben
- 6. Termin: Ein Interview vorbereiten (als Interviewer oder Interviewter)

Das klingt alles furchtbar theoretisch. Wo bleiben die lustigen bunten Zettel?

Keine Sorge, die Zettel begleiten uns durch alle Termine und geben wie immer bemerkenswerte Personen, spannende Tiere, Tätigkeiten, Berufe, Lieder, Ausrufe und was man sich sonst noch denken kann vor. Nur weil wir dabei etwas lernen, werden die Kurse ja nicht bierernst. Wir üben das Genre, aber befassen uns nicht mit tatsächlichen Meldungen. Wer den Presseartikel-Termin beim kreativen Schreiben besucht hat, erinnert sich vielleicht an Tom Hanks, der die Tennis-WM gewonnen hatte und das Interview mit dem Wolf, der an einem Schreibkurs teilnahm...

Muss ich an allen Terminen teilnehmen, damit der Kurs was bringt?

Nein, aber beispielsweise nur zum Pressemeldungs-Termin zu kommen macht wenig Sinn. Gerade in den ersten zwei Terminen lernen wir viel darüber, wie Journalisten Pressemitteilungen verwerten. Ohne dieses Wissen muss man beim Pressemeldungs-Termin ziemlich viel auf einmal verstehen und anwenden.

Kann ich auch wieder online mitmachen?

Natürlich, die Online-Teilnahme per Facebook ist wie immer möglich.

Was wird der Kurs kosten?

Ihr zahlt wieder flexibel pro Termin, an dem ihr teilnehmt. Die Teilnahmegebühr beträgt 12 Euro. Grund für die Preiserhöhung im Vergleich zum kreativen Schreiben ist, dass ich mehr Vorbereitungszeit benötige. Ich will Euch ja nichts Falsches erzählen und mich auf alle Fragen einstellen. Es wird auch wieder Handouts geben.

Journalistisches Schreiben ist ja was ganz anderes als kreatives Schreiben. Kannst Du das denn überhaupt unterrichten?

Ich habe seit 2001 immer wieder haupt- und nebenberuflich im Journalismus gearbeitet. Ich kenne die Lokalredaktion Duisburg der WAZ, das Feuilleton der FAZ, die Redaktion der AP und die Stadtredaktion der Frankfurter Neuen Presse von innen und war für alle schon als "rasende Reporterin" unterwegs - immer am liebsten, wenn Reportagen zu schreiben waren. Da der Journalismus bis 2007 auch mein geplantes Berufsziel war, habe ich zudem viele Theorie-Bücher gelesen.

Und wie geht es nach dem Journalismus-Block beim Schreiben für den Beruf weiter?

Sollten noch weitere Journalismus-Termine, etwa zu Porträts oder Glossen, gewünscht werden, würde ich diese noch dranhängen. Ansonsten wurde bereits ein Wunsch geäußert, nämlich zum Thema "Social Media". Hier kann ich aus meinem Berufsalltag viel Know-how einbringen. Wie der Kurs genau aufgebaut sein wird, werde ich hier rechtzeitig in weiteren FAQ vorstellen.
 

Wie man einen verdammt guten Roman anfängt

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Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 24. März 2015 um 20:06 Uhr Geschrieben von: Yvonne Dienstag, den 24. März 2015 um 18:24 Uhr

Wie man einen verdammt guten Roman schreibt, darüber streiten sich die Experten. Mancher passionierte Kurzgeschichtenschreiber hat sich an das große Thema noch nicht herangewagt, denn die größte Schwierigkeit ist: Wie fange ich an - und womit?


Unter dem Titel "Frühlingserwachen - Romananfänge" biete ich im Moment einen vierteiligen Workshop an, der sich genau diesem Thema widmet.

Angefangen haben wir mit den unterschiedlichen Wegen, einen Roman zu strukturieren. Man kann einzelne Szenen aufschreiben und sie später verkitten, gleich alles chronologisch aufschreiben oder nur die wichtigsten Eckpunkte definieren. Klar ist: Planen muss man den Roman auf irgendeine Weise, um sich nicht zu verzetteln.

Nun wollte ich den Teilnehmern meiner Kurse keine Vorgaben machen, wie sie sich zu organisieren haben, deshalb war es meine Aufgabe, eine Methode anzubieten, die Raum für die persönliche Gestaltung lässt.

So war die erste Schreibaufgabe, eine Hauptfigur für den Roman zu entwickeln. Wer ist es, der auf einer dieser weißen Bänke Platz nehmen kann? Um das herauszufinden, bat ich die Teilnehmer, an eine gute Eigenschaft von jemandem zu denken, den sie schätzen und an eine schlechte Eigenschaft bei sich selbst. Es ist meine Überzeugung, dass man nicht jenseits von sich selbst schreiben kann. Gleichzeitig sollte man sich aber auch nicht selbst zum Charakter machen, denn dann besteht die Gefahr, dass die Figur sich nicht weiterentwickeln kann im Laufe des Buches.

Weiter ging es dann mit einer Zettelaufgabe. Man sollte sich dabei vorstellen, die potenzielle Hauptfigur säße wegen ihrer Schwäche beim Psychiater. Dort berichtete er oder sie von (1. Zettel) einem Traum, Trauma, einem Lied, das ihm nicht aus dem Kopf ging, einem Elternteil oder sonst etwas, das ihn beschäftigt. Auch ein (2. Zettel) Gegenstand sollte in diesem Gespräch vorkommen.

Diese Übung hatte den Zweck, den Charakter des Helden besser kennenzulernen. Dabei ist es irrelevant, ob er später im Roman tatsächlich beim Psychiater sitzt oder nicht. Es ging darum, zu verstehen, mit wem man es zu tun hatte, wie derjenige tickt.

War er ein Mann oder eine Frau? Wie hieß er? Wonach sehnte er sich im Leben? Was machte ihm Angst? Welche Stärken und Schwächen hatte er? - Ich glaube, wenn man diese Fragen beantworten kann, dann hat man eine Idee, wohin es mit der Romanfigur gehen kann.

Die nächste Aufgabe war dann, eine Szene zu schreiben. Dazu zeigte ich den Teilnehmern eine Bilderpräsentation aus dem Palmengarten, der so viele wunderbare Orte in sich vereint. Ich bat die Teilnehmer, sich ihre neu geschaffene Hauptfigur in den Szenen auf den Bildern vorzustellen.

Die Zettelaufgabe gab dann nähere Auskunft, wo sich der Held befinden sollte. War er etwa im Dschungel, in der Wüste, auf einem Berg oder in einer Höhle? Befand er sich im Palmengarten selbst? Oder fühlte er sich nur verloren im Großstadtdschungel, so einsam wie in der Wüste oder so unabhängig wie auf einem Berg? Und wen traf er dort? Mensch, Tier oder Pflanze?

Jetzt, wo sich das Dickicht etwas gelichtet hat und der Held ebenso bekannt ist wie eine erste Szene, geht es am kommenden Donnerstag, 26. März darum, die Welt zu erschaffen, in welcher der Held lebt. Das ist nicht wörtlich zu nehmen, denn in vielen Fällen wird es eben keine fiktive Welt sein, sondern die Erde.

Und doch nehmen wir unsere Umwelt alle unterschiedlich wahr. Wie tut das unser Held? Kennt er seine Stadt, seine Straße, seine Nachbarn? Mag er diese Umgebung? Wie sieht es in seiner Wohnung oder seinem Haus aus? Liebt er die Natur, Tiere, andere Menschen? Mag er den Regen und das Gewitter? Wohin geht er freitags nach der Arbeit und wie sieht eigentlich seine Arbeit aus? Diese Fragen werden uns am Donnerstag beschäftigen.

Unsere Imagination wird dabei nicht allein gelassen. Gerd Taron, der literarische Spaziergänge in Frankfurt anbietet und Antiquar ist, wird vorbeikommen und die Kursteilnehmer mit Frühlingsgedichten erfreuen. So bekommen sie sicherlich manchen Schubs, wie der Frühling für den Helden ist.

Beim letzten Termin, am 9. April nach Ostern, sind die Kursteilnehmer dann so weit, sich an einem Plot für den Roman zu versuchen. Um was genau geht es in ihrem Roman? Wie sehen der Anfang, die Mitte und das Ende aus? Gibt es eine Lehre? Die Zettelaufgabe bietet dazu noch eine Nebenfigur, mit der sich der Held beschäftigt.

Ich bin sehr gespannt, wie meine Kursteilnehmer weiterhin zurechtkommen werden. Die Anfänge sind vielversprechend und bei mir selbst haben meine Methoden funktioniert. Klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Mein eigener erster Roman ist über viele Monate in meinem Kopf gewachsen, wurde ein halbes Jahr lang geschrieben und ein Jahr überarbeitet. Wie ich es mir hätte leichter machen können, mich meiner Figur anzunähern, eine erste Szene zu schreiben, die Welt zu beschreiben und ein Plot zu entwickeln, hat mir damals keiner gezeigt. Deshalb soll mein Workshop für genau diese Fragen Hilfestellung bieten.
   

Facebook-Sucht und Facebook-Flucht

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Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 18. März 2015 um 00:16 Uhr Geschrieben von: Yvonne Dienstag, den 17. März 2015 um 23:20 Uhr

Seit Anfang des Jahres haben einige meiner Facebook-Freunde das soziale Netzwerk verlassen und schon die ganze Zeit suche ich vergeblich nach einem Zeitfenster, meinen Senf dazu abzugeben. Nun ist mir klar geworden, dass ich es mir einfach nehmen muss.

Die Erkenntnis, dass man sich im Leben für die wichtigen Dinge Zeit nehmen muss, ist nicht neu und auch nicht von mir. Aber sie wird sehr häufig im Alltag vergessen. Im Zentrum unseres Tuns steht das, was 1. Geld bringt, was uns 2. wie eine Verpflichtung erscheint oder was 3. aus unserer Sicht nicht mehr wegzudenken ist.

Facebook fällt dabei in die dritte Kategorie. Viele von uns fühlen sich
- einerseits nackt, wenn sie ihr Handy vergessen oder mal einen Tag ohne die Nachrichten aus sozialen Netzwerken auskommen müssen,
- andererseits von eben diesen Netzwerken und ständigen Nachrichten zeitgleich überfordert.

Die Frage: Wie sozial verbunden müssen wir sein?

Was wiegt nun schwerer? Das Nicht-ohne-Facebook-sein-Können oder das Manchmal-Ohne-Facebook-Sein-Müssen? Wie bei jeder Sucht trifft beides zu. Wir wissen, dass wir gelegentlich verzichten sollten, aber es ist so schwer. Der Tag ist lang, der Job nicht immer schön und Facebook bietet uns so vielseitige Ablenkung, deckt unser Bedürfnis nach immer neuen Anreizen und gibt uns das Gefühl, mit unseren Freunden verbunden zu sein.

Dass uns das ganze Verbundensein nicht immer gut tut, ahnen wir. Oft leiden wir an Reizüberflutung und können nicht einschlafen, weil uns so vieles durch den Kopf geht. Allein zu sein ist aber auch keine Lösung. Wer die ganze Woche über keine sozialen Kontakte pflegt und nur oberflächlich, etwa mit Kollegen, kommuniziert, verkümmert sozial und verlernt, auf andere einzugehen.

Die Antwort: Das richtige Maß entscheidet - wie immer!

Also schaffen wir die Plattform jetzt ab, oder was? - Nein, natürlich nicht, weil das keine Lösung wäre. Als es noch kein Facebook gab, sind wir auch zurecht gekommen, aber wenn wir ehrlich sind, hat das Kontakthalten viel mehr Zeit gekostet. Events waren nicht so einfach zu organisieren, wir mussten uns mit Telefonketten abmühen und schriftliche Geburtstagseinladungen zur Post bringen. Gewiss war das irgendwie persönlicher, aber wir hatten früher auch mehr Zeit. Seit es das Internet gibt, werden eben keine Geschäftsbriefe mehr geschrieben, sondern E-Mails.

Was uns also überfordert, ist nicht Facebook, sondern das Tempo unserer Zeit. Deshalb ist nicht die Plattform gefordert, sondern wir selbst: Wir müssen uns managen. Wir haben die Aufgabe, das richtige Maß finden, um uns sozialen Kontakten hinzugeben, ohne dabei unseren wichtigsten sozialen Kontakt zu vergessen, nämlich den mit uns selbst.

Ich glaube, Facebook den Rücken zu kehren, bringt uns persönlich nicht weiter. Wichtig ist, einen Weg zu finden, wie wir nicht mehr nur reagieren, sondern agieren. Wir müssen der Herr oder die Herrin über unsere Zeit sein und ganz klare Pausen einlegen, schon bevor es uns zu viel wird.

Gelegentlich mache ich tagsüber mein Handy aus oder stelle es auf lautlos. Ich habe die Facebook-App von meinem Smartphone verbannt, weil ich nicht alle 5 Minuten erfahren will, ob einer meiner Freunde ein neues Bild hochgeladen hat. Wenn ich etwas posten möchte, nutze ich die mobile Website oder mache es am PC oder iPad. Ich deaktiviere die Benachrichtigungen bei Gruppen oder Beiträgen, von denen ich nicht jede Reaktion bekommen möchte. So reduziere ich das Up-to-date-Sein auf die Dinge, die mir wichtig sind: Neues aus meiner Autorengruppe oder von meinen Schreibschülern. Alles andere sehe ich, wenn ich gezielt online bin und Zeit habe. - Und schon macht Facebook wieder Spaß!
 

Anne beim Psychiater

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Zuletzt aktualisiert am Samstag, den 14. März 2015 um 11:45 Uhr Geschrieben von: Yvonne Samstag, den 14. März 2015 um 10:53 Uhr

Diese Woche hat mein Schreib-Workshop zum Thema "Romananfänge" begonnen. Darin entwickle ich mit meinen Teilnehmern verschiedene Elemente eines Romans, die sie entweder als Vorstudie nutzen oder später tatsächlich in ihren Roman integrieren können.

Da ich selbst keine neue Romanidee suche, nutze ich die Workshop-Aufgaben, um mit Altraterra 2 voranzukommen. Diese Woche hatten wir das Thema "Charakterentwicklung", also habe ich mich mit meiner Hauptfigur Anne beschäftigt.

Die Vorgaben der Schreibaufgabe:
1. Wähle eine positive Eigenschaft Deiner Figur: Wissbegierde
2. Wähle eine negative Eigenschaft Deiner Figur: geringes Selbstbewusstsein
3. Stell Dir vor, Deine Figur macht wegen ihrer negativen Eigenschaft eine Therapie. Worüber spricht sie in der heutigen Sitzung mit ihrem Psychiater?
4. Zettel 1: Das Thema der aktuellen Sitzung ist ein Elternteil.
5. Zettel 2: Dieser Gegenstand spielt in dem Gespräch eine Rolle: ein Müsli

Der folgende Dialog zwischen Anne und ihrem Therapeuten ist dabei entstanden. Er bringt die Themen von Band 2, gut auf den Punkt, passt aber nicht ins Buch. Daher möchte ich ihn hier für Euch wiedergeben. Dazu passend habe ich als Bild einen Ausschnitt aus dem neuen Cover von Band 2 eingefügt. :-) Viel Spaß beim Lesen!

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Therapeut: Was geht Ihnen gerade durch den Kopf, Anne?
Anne: Ich bin wütend.
T: Warum, glauben Sie, sind Sie wütend?
Anne: Ich kann es nicht genau sagen. Ich fühle mich irgendwie nicht verstanden.
T: Von wem?
Anne: Von niemandem. Nicht von meiner besten Freundin Jana, nicht von meinem Verlobten Jamiro und auch nicht von der hohen Schwester.
T: Wieso ist das Ihrer Meinung nach so?
Anne: Ich glaube, ich habe mich von ihnen allen entfernt. Ich denke im Moment viel an meine Mutter.
T: Und was denken Sie?
Anne: Ich frage mich, was für ein Mensch sie war. Mein Verlobter interessiert sich nicht dafür. Die hohe Schwester warnt mich immer nur, ich solle nicht werden wie sie. Und Jana hört mir überhaupt nicht mehr zu.
T: Vielleicht ist sie mit etwas anderem beschäftigt.
Anne: Hmmm. Darüber habe ich noch nie nachgedacht.

T: Würden Sie sagen, dass Sie im Moment viel über sich selbst nachdenken?
Anne: Sie meinen, ich denke zu viel über mich nach und zu wenig über andere?
T (neutral): Sie sind mit etwas beschäftigt, dass Sie sehr in Anspruch nimmt.
Anne: Ja, das stimmt. Es ist wie ... ein Müsli. Ich blicke morgens in mein Frühstück und sehe Körner, köstliche Früchte und Milch - und zusammen ist es ein Müsli. Aber wenn ich über meine Mutter nachdenke, dann sehe ich mal eine Frucht und dann ein Korn, aber es ergibt keine Mahlzeit.
T: Der Zusammenhang fehlt.
Anne: Ja, genau.
T: Wie könnte denn ein solcher Zusammenhang Ihrer Meinung nach aussehen?
Anne: Ich ... weiß nicht.
T: Doch, Sie wissen es. Sie trauen sich nur nicht, es zu wissen.
Anne: Vielleicht.

T: Wie lange sind Sie jetzt bei mir in Behandlung?
Anne: Seit 5 Jahren. Ich war 14.
T: Und was ist damals Einschneidendes passiert, dass Sie zu mir gekommen sind?
Anne: Miraj und Silvia haben die Schutzzone verlassen.
T: Wie haben Sie sich da gefühlt?
Anne: Allein. Verloren.
T: Und was geschah dann?
Anne: Ich verliebte mich in Jamiro, meinen heutigen Verlobten.
T: War das Gefühl der Einsamkeit und des Verlorenseins dann weg?
Anne: Ich ...
T: Antworten Sie!
Anne (nach längerer Pause): Nein ...
   

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