12. Türchen 2016

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. PDFDruckenE-Mail

Merkt Ihr es auch? Es wird kälter. Damit meine ich nicht die Temperatur, sondern das Paradoxon, das uns jedes Jahr kurz vor dem Fest der Liebe ereilt. Es ist zum Beispiel in den Geschäften zu beobachten. Während ich sonst beim Rewe immer nur freundliche Verkäuferinnen treffe, zu einem Schwätzchen aufgelegt, mit durchaus Spaß an der Arbeit, saß heute eine junge Frau an der Kasse, die finster vor sich hinstarrte, mich nicht einmal anblickte und ganz offensichtlich nur eines dachte: "Lasst mich alle in Ruhe, ich will nach Hause!".

In der Bahn ging es ebenso ruppig zu. Fahrgäste beschwerten sich lautstark über andere, die Tüten mit den Weihnachtseinkäufen für die Lieben wurden Fremden rücksichtslos in die Seite gerammt. Und wer in diesen Tagen so tollkühn ist, über den Weihnachtsmarkt mit einer Portion Pommes in der Hand zu schlendern, kann froh sein, wenn er am Ende nicht die Mayonnaise im Gesicht kleben hat.

Kurz vor dem Fest verlieren alle den Kopf. Ich würde jetzt gerne behaupten, dass ich persönlich die große Ausnahme bin, aber das stimmt nicht. Auch mir sind heute Morgen beim Bestellen der Weihnachtsgeschenke fast die Augen aus dem Kopf gefallen. Als vor einigen Tagen eine Werbemail bei mir eintrudelte mit den Worten: "Suchen Sie noch rasch vor dem Fest nach einem kleinen Geschenk?" habe ich gelacht und gesagt, dass ja noch mehr als zwei Wochen Zeit seien. Aber als mir dann heute bei gleich zwei Geschenken der böse Satz entgegenblinkte - "Kommt voraussichtlich nicht mehr rechtzeitig zum Fest" -, schwankte ich zwischen zwei Impulsen: 1. Mir die Decke über den Kopf zu ziehen und erst wieder aufzustehen, wenn die Feiertage vorbei sind oder 2. Sofort, also SOFORT, notfalls ungekämmt und im Schlafanzug, loszurennen ins nächste Geschäft.

Am Ende habe ich dann ein Geschenk trotzdem bestellt - und gleich ein provisorisches Alternativgeschenk dazu - und bei einem zweiten beschlossen, dass ich mich wohl doch sicherheitshalber ins Weihnachtsgetümmel stürze. In der Vorweihnachtszeit bleibt einem auch nichts erspart. Erholen tun wir uns dann alle wieder unter dem Weihnachtsbaum.

Achtsam durch den Adventstag

Ganz zufrieden war ich aber doch nicht damit, mich nun endgültig in den Vorweihnachtsstress zu ergeben. Als ich die Wohnung von meinem Freund verließ, fiel mir eine Achtsamkeitsübung ein, von der ich im Sommer gelesen hatte. Laut dieser Übung soll man gerade an hektischen Tagen einmal bewusst die Wege gehen, die man ohnehin gehen muss. Man würde dann viele Überraschungen erleben und ganz erstaunliche Dinge sehen, riechen und fühlen, an denen man sonst achtlos vorbeiginge.

Damals hatte ich die Übung sofort ausprobiert. In meiner Vorstellung war ich gewiss achtlos an herrlichen Blumen, Schmetterlingen und lauter freundlichen Menschen vorbeigelaufen, mit dem Kopf immer schon bei der nächsten Aufgabe.

Ganz so romantisch war es dann nicht. Als ich das erste Mal nach längerer Zeit bewusst auf meinen Weg achtete, fiel mir vor allem auf, dass Sachsenhausen-Nord gar nicht so grün ist, wie ich es von meinem allerersten Blick darauf in Erinnerung hatte. Es gab ein paar Bäume, wenig Blumen und Schmetterlinge gar nicht. Meine Achtsamkeit hatte dann aber immerhin den Effekt, dass ich es mir zur Gewohnheit machte, mit meinem Freund am Wochenende aus Frankfurt 'rauszufahren und Orte zu besuchen, an denen man tatsächlich Natur erblicken konnte.

Beeindruckt hat mich die Übung aber doch. Wie erstaunlich, dass wir jahrelang an etwas vorbeilaufen können, ohne unser ursprüngliches Urteil von der Umgebung zu korrigieren. Das ist genau der Grund, aus dem ich Kreuzfahrten mag: Man besucht lauter fremde Orte nur für jeweils einen Tag und es gibt nur erste Eindrücke. Man saugt alles auf, ist in jedem Moment vollkommen da und erst wenn man sich satt und müde gesehen hat, kehrt man aufs Schiff zurück, um seine Eindrücke zu verarbeiten.

Wie auch immer: Heute ist mir also die Übung wieder eingefallen. Und mir wurde bewusst, dass es zur jetzigen Zeit durchaus Dinge zu sehen gibt, die sonst nicht da sind. Und das sind die Weihnachtslichter: Weihnachtsbäume an allen möglichen Plätzen, öffentliche Weihnachtsbeleuchtung, geschmückte Fenster und Schaufenster.

So habe ich auf dem Weg von meinem Freund über die Stiftung bis nach Hause alle Weihnachtslichter fotografiert, die mir begegnet sind. Ich war erstaunt, wie viele es waren und auch ein wenig traurig, als ich an all die Menschen dachte, die sie in diesen Tagen vor lauter Stress nicht wahrnehmen.

In diesem Sinne: Ich hoffe, dass mein heutiges Kalendertürchen von möglichst vielen Gestressten gelesen wird. Morgen gibt es wieder viele Lichter, die nur dafür da sind, dass wir sie wahrnehmen und uns daran erfreuen. Habt viel Freude damit!