13. Türchen 2016

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Der Advent ist nicht nur die Zeit, in der man Weihnachtsmärkte besucht, Plätzchen backt und Familie und Freunde trifft. Er liegt auch am Ende des Jahres und folglich kommt es vor, dass man darüber nachdenkt, was man im vergangenen Jahr eigentlich erreicht hat und wo man noch hin will. Solche Gedanken haben mich gestern davon abgehalten, dieses Türchen pünktlich zu schreiben.

Als ich mein erstes Studium abschloss, wusste ich ganz genau, wohin ich wollte: In die Kulturredaktion einer großen Zeitung, wo ich wie ein kleiner weiblicher Marcel Reich-Ranicki (damals lebte er noch) große Werke der Literatur rezensieren würde. Allerdings ging es mir nicht so sehr darum, das Geschriebene eines Autors in der Luft zu zerreißen. Viel mehr wünschte ich mehr, dass überhaupt mehr Leute lesen und das sie eines erkennen: Schriftsteller sind keine Übermenschen, nicht über alle Probleme des täglichen Lebens erhaben. Sie sind Menschen mit ganz alltäglichen Problemen und Gedanken, die sie in ihren Werken verarbeiten, ebenso wie das Musiker und Maler tun. Goethe etwa schrieb den Werther, der aus Kummer um eine unerreichbare Liebe, eine verheiratete Frau, Selbstmord begeht - und so verarbeitete Goethe seinerseits eine ähnliche Enttäuschung.

Ich brauchte Jahre um festzustellen, dass ich keine gute Journalistin werden würde. Zwar schrieb ich gerne und liebte es, mich mit Menschen und ihren unterschiedlichen Interessen, Hobbys und Berufen zu befassen. Aber ich war nie jemand, der gerne Verrisse schrieb, sich mit Leuten anlegte und sich mit Problemen beschäftigte, deren Lösung nicht im Mindesten in seiner Macht stand.

Erst viele Jahre später entdeckte ich, dass ich aber eine gute Pädagogin bin. Es macht mir Freude, mein Wissen appetitlich aufzubereiten und weiterzugeben und ich freue mich, wenn Menschen plötzlich ihre Liebe zu einem Buch, Film, klassischen Musikstück oder zum Kunstwerk entdecken und ich dazu beitragen durfte. Kultur wird nicht von Genies für Genies gemacht, sondern von Menschen für Menschen.

Da steh' ich nun, ich armer Tor und bin so klug als wie zuvor?

Nachdem mir das klar geworden war, lag es natürlich nahe, auch als Pädagogin zu arbeiten. Freiberuflich ist das auch machbar und ich bin dankbar für die wunderbaren Projekte, die ich begleiten und die Schüler, die ich auf ihrem Weg in die Literatur unterstützen durfte. Allerdings - obwohl ich viele Bekannte habe, die das sehr erfolgreich bewältigen - denke ich nicht, dass eine Selbstständigkeit für die Ewigkeit gemacht ist. Für einige Jahre ist es eine gute Schule, weil man sich genau in die Richtungen entwickeln und weiterbilden kann, in die man möchte.

Als Selbstständiger lebt man aber auch immer mit einem gewissen Risiko, etwa dass man entweder nur noch arbeitet, weil man viele Kunden hat, die alle gleichzeitig ein Anliegen haben, oder plötzlich viel zu wenig passiert, weil Kunden gerade keine entsprechen Anfragen haben. Diese und andere Dinge ermüden einen über die Jahre und man wünscht sich wieder eine feste Aufgabe, die einen davon befreit, 50 Dinge gleichzeitig im Kopf zu haben und einem gestattet, sich nur auf eine Sache zu konzentrieren.

So habe ich in diesem Jahr versucht, einen Weg in die Pädagogik zu finden, indem ich etwa als Lehrerin oder Dozentin an der Uni arbeite. Ich fand die Wege versperrt. In beiden Bereichen, stellte ich fest, ist kein Quereinstieg erwünscht. Lehramtsstudenten müssen umfangreiche Praxiserfahrungen sammeln, deren Verteilung genau reguliert ist, und wer einmal längere Zeit aus der Uni raus ist, kann zwar promovieren, hat aber keine Chance mehr, als Dozent zu arbeiten. Das haben meine Erkundigungen ergeben.

Ich habe mich über diese Informationen gewundert. Ist nicht ein lebenserfahrener Lehrer, ein Lehrer, der sich in seinem Fachgebiet auch in der freien Wirtschaft bewähren musste, ein besserer Lehrer?

Wie auch immer - diese Ergebnisse haben mich über Monate blockiert. Wenn man genau weiß, was einem liegt und es dann nicht erreichen kann, braucht man Zeit. Zeit, um sich klar zu werden, worauf es ankommt.

Erst in den letzten Tagen, beim allmählichen Entspannen, ist mir bewusst geworden, dass sich meine eigentliche Vision nicht geändert hat und sich auch nicht ändern wird, falls ich nicht in diesem Bereich arbeiten kann. Es geht mir immer noch darum, Menschen die Freude an Kultur zu vermitteln und ihnen die Angst davor zu nehmen, dass Kultur nur etwas für eine entsprechend ausgebildete Elite ist. Und wenn ich das nur auf diesem Blog oder in einem meiner eigenen Bücher tun kann, dann ist das erreichbare Publikum kleiner, aber es ist doch da.

So viel zu meinen Überlegungen zum Jahresende. In Türchen Nummer 14 werde ich Euch dann verraten, wo ich die schönen Fotos gemacht habe, die hier zu sehen sind.